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Porträt meiner Grossmutter

Meine Grossmutter (Ursula Seiler, 85 Jahre alt) hatte eigentlich keine Zeit für das Interview. Nachdem ich sie mehrmals angerufen hatte, nahm sie dann doch irgendwann ihr Handy ab und wir konnten ein Telefontermin für das Interview vereinbaren. 

«Mit dem Handy habe ich grosse Schwierigkeiten. Ich habe ein sogenanntes Smartphone. Es ist aber überhaupt nicht smart; es macht einfach nicht was ich will. Am Mittwochabend um 22:30 Uhr konnte ich endlich meine Enkelin zurückrufen, nachdem ich gerade auf den Zug nach Hause gerannt war. Das erinnert mich an früher. Während 26 Jahren, also seitdem meine erste Enkelin auf der Welt ist, fahre ich jeden Donnerstag nach Zürich, um auf die Kinder meiner Tochter aufzupassen. Als die Kinder schon im Kindergarten- und Schulalter waren und ich erst mittags gebraucht wurde, war ich oft ein bisschen zu spät und musste dann die Langmauerstrasse mit zwei Säcken voller Essen aus meinem Garten hinaufrennen. Darin war von Salat über Bohnen oder Rüebli bis zu verschiedenen Beeren alles, was gerade reif war. Aus den Himbeeren machten meine Enkelinnen und ich oft Eis. Wenn jemand dann mal eine Ameise im Essen fand, sagte ich immer: „Das gibt noch ein bisschen Proteine.“

Wie gesagt, kann ich immer noch auf den Zug rennen, aber es fällt mir schon ein bisschen schwerer, an alles zu denken, was ich dabei haben muss, als früher. Auch mit meinen Händen habe ich Probleme. Vor allem in der Nacht werden sie steif und schlafen ein. Am Tag geht es erstaunlicherweise besser. Da brauche ich sie auch. Ich arbeite als Feldenkrais Therapeutin. Das ist eine Körpertherapie zur Verbesserung der Hirnleistung. Ich mache Einzelbehandlungen und gebe Gruppenstunden. Ich biete auch Ferienkurse im Zusammenhang mit Langlauf oder Skifahren an. Die Gruppe und ich gehen dann ein paar Stunden langlaufen und danach machen wir Feldenkrais. An meiner Arbeit gefällt mir, dass ich mich nützlich machen kann. Das, was ich kann, wird gebraucht. Ich wusste aber nicht von Anfang an, dass ich mit 85 noch arbeiten würde. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich dann noch lebe. Jetzt bin ich aber noch hier und arbeite, was mir Freude bereitet. 

Manchmal bin etwas erstaunt, wenn ich mich als alte Frau im Spiegel sehe. Ich bin ziemlich faltig und habe inzwischen ganz weisse Haare. Ich hatte jetzt doch auch schon einen Herzinfarkt, den ich auf Corona zurückführe. Es gibt ja Untersuchungen, die zeigen, dass das Virus Herzgefässe angreifen kann. Mein Herz war vorher immer gesund. Ich hatte auch keine Probleme mit erhötem Colesterin. Also kann nur Corona den Infarkt ausgelöst haben. Leider habe ich mir gerade in letzter Zeit auch noch zweimal den Arm gebrochen. Ich lasse mich dadurch aber nicht aufhalten. 

Am Abend versucht meine Tochter mich manchmal zu erreichen, ich bin aber eigentlich nie zu Hause. Entweder bin ich spät am Abend noch im Garten oder in einem Konzert mit meinem neuen Freund. Selber Musik mache ich auch oft. Ich spiele Cello, Flöte und ein wenig Klavier. Singen macht mir auch Spass. Zurzeit singe ich in zwei Chören. Am Montag gehe ich immer ins Griechisch. Diese Sprache lerne ich jetzt schon seit vielen Jahren. Am liebsten würde ich einmal die Woche noch wandern gehen. Dafür habe ich aber leider nicht immer Zeit. Wenn ich dann aber doch mal zu Hause bin, lese ich gerne Zeitung, mache Sudoku oder schaue Krimis. Dabei will ich eigentlich nicht gestört werden und gehe deshalb auch manchmal nicht ans Telefon.»