
Geboren bin ich vor 75 Jahren hinter dem Zoo. Am Tag meiner Geburt hat sich gerade ein Storchenpärchen auf unserem Dach einquartiert. Ein wirklich schöner Zufall. Bis ich drei Jahre alt war, hatte ich ein unbeschwertes Leben. Ich bin „umegsprunge“, habe gelacht und mit den anderen Kindern gespielt.
Über Nacht änderte sich mein Leben plötzlich komplett. Ich ging abends gesund ins Bett und wachte am nächsten Tag gelähmt auf. Von Kopf bis Fuss. Ein riesen Schock für die ganze Familie, besonders für meinen zweieinhalb Jahre älteren Bruder. Nach vielen Tagen im Krankenhaus stellten die Ärzte und Ärztinnen die Diagnose – Knochentuberkulose – und sie begannen, mich zu behandeln. Leider litt ich jedoch an juveniler Polyarthritis, einer chronischen Gelenksentzündung, was das Personal zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wussten. Die Medikamente, die ich verabreicht bekam, zeigten keine Besserung und mein Zustand verschlechterte sich. Trotz dauerhafter Schmerzen, sogar beim Schlafen, kam Aufgeben nicht infrage.
Wegen meiner aufkommenden Blindheit, die aufgrund der falschen Medikamente verursacht wurden, lernte ich schnell, mich auf Geräusche zu fokussieren. Somit begann ich mein Leben auf eine andere Art zu geniessen. Jeden Tag hörte ich die Tiere vom Zoo, Elefanten, Wildtiere, Hyänen, Wölfe, manchmal hörte man sogar, wenn die Tiere gefüttert wurden. Dann war es besonders laut.
Eigentlich sollte ich in eine „Blindenanstalt“ gesteckt werden. Das war früher so. Zum Glück wehrten sich meine Eltern und ich konnte mit sehenden Kindern aufwachsen. Dies war ein riesen Gewinn in meinem Leben, da ich heute noch raschen Zugang zu sehenden Leuten habe. Mit 10 Jahren durfte ich in eine öffentliche Schule für sehenden Kinder. Ich hatte riesen Glück, da ein Lehrer sich bereiterklärt hatte, mich in seine Klasse aufzunehmen. Leider verschlechterte sich mein Gesundheitszustand wieder, sodass ich von zuhause aus unterrichtet werden musste. Ich bekam einen Privatlehrer, der mir auch die Blindenschrift lehrte. Buchstaben lesen konnte ich nicht mehr, obwohl ich, bis ich 20 Jahre alt war, Farben und Hell und Dunkel sehen und unterscheiden konnte.
Mit 11 Jahren gab man mir die Hoffnung, mir mein Augenlicht wieder zurückgeben zu können mithilfe einer Operation. Ich ging mit meiner Mutter nach Genf in eine Spezialklinik. Erstaunlicherweise sah ich nach der OP auf einem Auge wieder. Doch leider hielt die Freude nicht lange an. Während die Patient*innenzimmer geputzt wurden, wurden wir Kinder in das Spielzimmer der Station gesperrt. Ich spielte mit einem roten Auto – das weiss ich noch ganz genau. Ich hielt es nahe vor mein Gesicht, da ich es genauer betrachten wollte. Plötzlich kam ein Junge und wollte es mir wegnehmen. Er fuchtelte vor meinem Gesicht herum und es geschah: Das Auto landete in meinem Auge, was mir abermals die Sehfähigkeit nahm.
Zum Glück liessen die Schmerzen, die meine Krankheit mit sich brachte wieder nach und ich konnte eine Ausbildung als Telefonistin machen. So lernte ich auch meinen Mann kennen, mit dem ich einen Sohn habe, Daniel. Zu meinem Kind habe ich eine besonders starke Bindung. Oft hatte ich das Gefühl, ihm nicht alles geben zu können, was er, als mein Sohn, verdient.
Heute bin ich wieder sehr aktiv und viel unterwegs. Besonders gerne mit meinem Freund, Stefan, den ich vor einiger Zeit ebenfalls über das Telefon kennen gelernt habe. Auch sonst bin ich gerne in Kontakt mit vielen Menschen. Im Rütihof, der Genossenschaft, wo ich seit über 20- Jahren wohne, kenne ich bereits viele Leute und Familien, die mir grossherzig helfen, wo immer es nötig ist.
Bis vor Kurzem arbeitete ich noch regelmässig im Restaurant „blindekuh“ im Seefeld. Leider ist dies nun schwierig, aufgrund eines Sturzes, den ich hatte.
„Man wird eben nicht fitter im Alter.“
– Cornelia (mit einem Schmunzeln auf den Lippen)
Obwohl ich die freiwillige Arbeit immer gerne gemacht habe, muss ich dies jetzt reduzieren. Ich versuche einfach mein Leben, so, wie Gott es mir geschenkt hat, zu leben.