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Die Russen kommen wieder

„Diese neuen Eindrücke überforderten mich zu Beginn, heute ist mir klar, dass ich einen Kulturschock hatte.“, sagt Salome Späth (52).

https://avanthard.wordpress.com/2012/11/04/80s-underground-scene-from-new-york-city-to-berlin/

1979, als ich neun Jahre alt war, gewann mein Vater einen Literaturpreis. Dazu gehörte ein Stipendium für einen sechsmonatigen Aufenthalt in Berlin. Wir, also meine Eltern, mein drei Jahre älterer Bruder und ich durften uns für ein halbes Jahr in einer riesigen Stadtwohnung niederlassen. Das war natürlich ein grandioses Angebot und im Januar 1980 flogen wir nach Berlin.

Bis dahin wuchs ich in Rapperswil auf, was so ziemlich das Gegenteil von einer Grossstadt war. „Rappi“ war ein beschauliches und biederes Provinzstädtchen. In Berlin hatte es Punks und Drogenabhängige, es war eine brodelnde Stadt. Die Leute waren schnoddrig und häufig unhöflich. Die Grundstimmung war total anders als zu Hause. Diese neuen Eindrücke überforderten mich zu Beginn, heute ist mir klar, dass ich einen Kulturschock hatte.

Wir waren in Westberlin, wo die Spannung zwischen Ost und West auch für mich als Kind spürbar war. Mich hat besonders die Mauer, die ganz Westberlin umzingelte, beeindruckt. Man konnte eine Strasse entlangfahren und wurde mittendrin von dieser gewaltigen Mauer unterbrochen. Ich muss dabei an meinen Klassenlehrer, Herrn Paulsen, denken. Er war schätzungsweise sechzig, weshalb ich annehme, dass er als Soldat im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Wenn Herr Paulsen aus dem Klassenfenster schaute und ein vorbeifliegendes Flugzeug sah, sagte er: „Kinder, Kinder, die Russen kommen wieder!“ Da war ich in der dritten Klasse. Diese Aussage hat mich damals sehr verängstigt. Der Lehrer war streng und ich war ein scheues Mädchen. Er bewarf freche und schlechte Schüler mit Heften oder seinem Schlüsselbund. Herr Paulsens autoritäre Art machte mir die Schule zu einem Albtraum. Um mir den Gang in die Schule zu erleichtern, begleitete mich meine Mutter jeden Morgen. Der Stress, den mir die Schule bereitete, machte es mir noch schwerer mich einzuleben und wohlzufühlen.

Wir gingen ein paar Mal rüber nach Ostberlin. Ein Erlebnis, das mir geblieben ist: Wir waren in einem Museum die einzigen Besucher als eine Museumswärterin mit einem Brief auf meinen Vater zukam und ihn bat, diesen mitzunehmen und an ihre in der BRD lebende Tochter zu schicken. Mein Vater tat dies, ohne zu zögern. Da wurde mir bewusst, dass es dieser Mutter unmöglich war, über die DDR-Post offen mit ihrer Tochter zu kommunizieren.

Mein Bruder musste einmal zum Zahnarzt und ich wurde von unserer Mutter dorthin mitgeschleppt. Die Frau des Zahnarztes machte meiner Mutter Vorwürfe, dass sie mit Kindern aus der wohlbehüteten Schweiz nach Westberlin gezogen sei. Mich befremdeten die altmodisch eingerichtete Praxis und der pedalbetriebene Bohrer.

Mein Vater verdiente zu dieser Zeit mit Artikeln für die NZZ sein Geld. Zu Recherchezwecken ging er mit einem Fotografen für einen Tag nach Ostberlin. Als sie am Abend in den Westen zurückreisen wollten, haben Grenzsoldaten das ganze Auto von oben bis unten durchsucht. Zudem mussten mein Vater und sein Begleiter den Rücksitz des Autos abmontieren, um zu zeigen, dass sie niemanden nach Westberlin schmuggelten. Mein Vater erzählt heute noch davon, dass der Sitz von da an „giepschte“.

Das sind einige meiner Erinnerungen, die ich an diese Monate in Berlin habe. Rückblickend bin ich meinen Eltern dankbar dafür, dass sie mir diese Erfahrungen ermöglicht haben. Auch wenn es nicht die schönste Zeit war, fand ich es schade, dass wir Berlin schon nach einem halben Jahr verlassen mussten. Denn genau dann hatte ich angefangen, mich wohlzufühlen. Heute muss ich nicht mehr viel daran zurückdenken, aber ich habe damals schon in frühem Alter Erfahrungen gesammelt, die mich wie vieles andere geprägt haben.