Viel zu spät mache ich mich auf den Weg, verpasse meinen Bus und muss auf den nächsten warten. Von der Busstation renne ich die letzten paar Meter zu meinem Geschäft. Keuchend trete ich ein und hoffe meiner Chefin nicht unter die Augen treten zu müssen. Zu spät sein bei der Arbeit ist ein absolutes „no go“. Leider habe ich an diesem Tag kein Glück. Ich laufe der Chefin direkt in die Arme, worauf sie mich weg von den Kunden zieht, um mit mir ungestört zu schimpfen. Ihre strengen Worte treffen mich hart, aber ich habe keine Zeit, um über meine Gefühle nachzudenken. Ich setzte wieder ein strahlendes Lächeln auf und begrüsse meine erste Kundin. Ich schneide ihr die Haare, führe small talk mit ihr und massiere ihren Kopf beim Haare waschen. Den Rest des Morgens übe ich verschiedene Frisuren und Haarschnitte an Puppen und vertreibe mir so meine Zeit. Um 12 habe ich endlich Mittagspause, in der ich mit meinem Lehrlingskollege in der Stadt Mittagessen hole. Wir essen gemütlich und machen uns dann auch schon wieder zurück auf den Weg zum Salon. Wieder im Geschäft angekommen, wartet schon eine Freundin auf mich. Sie kommt zum Haare schneiden. Ich habe sie überzeugt ihre kurzen Haare noch kürzer schneiden zu lassen, denn ich brauche immer eine gewisse Anzahl an Kunden, ansonsten verliere ich meinen Lehrplatz und somit meinen Job schon im Alter von 16 Jahren. Nachdem meine Freundin wieder gegangen ist, kommen noch zwei weitere Damen, denen ich die Haare waschen muss. Sie kommen jede Woche, da sie durch ihr hohes Alter eingeschränkt sind und nicht mehr selber ihre Haare waschen können. Die erste Frau begrüsst mich lieb, fast als wäre ich ihr Enkelkind. Die zweite Frau macht ein grimmiges Gesicht und schaut selbst nach meiner Bemühung noch sehr unzufrieden aus. Sie ist nie zufrieden mit meiner Arbeit und motzt immer über die heutige Generation und darüber, dass die Jungen nicht mehr richtig arbeiten wollen. Ich lächle gezwungen und versuche höflich zu bleiben, obwohl mich ihre Worte sehr stören. Nachdem sie den Salon verlassen hat, habe ich ein wenig Zeit für mich, in der ich meine Zusammenfassungen für die Berufsschule lese und versuche mir das Geschriebene einzuprägen. Nach meiner wenig erholsamen Pause geht es auch schon weiter. Ich muss den Abfall entsorgen, den die anderen während der Arbeit gemacht haben und die Spiegel gründlich putzen. Ich nähere mich meinen Feierabend an, als ich bemerke, dass noch eine Kundin auf ihren Termin wartet. Also bleibt mir nichts anders übrig, als Überstunden zu machen und auch die letzte Kundin noch freundlich zu begrüssen und bedienen.
Als ich das Geschäft verlasse, atme ich erleichtert auf. Es war ein anstrengender Tag. Ich versuche zu entscheiden, was ich mit dem halb angebrochenen Abend machen soll. Meine Freunde, die auf eine weiterführende Schule gehen, haben heute alle keine Mittagsschule gehabt und sind wahrscheinlich schon irgendwo am See, ihre freie Zeit am geniessen. Ich frage mich, ob ich mich zu ihnen gesellen oder doch lieber nach Hause gehen soll, um mich auszuruhen und für meine kommenden Prüfungen zu lernen. Ich entscheide mich für die zweite Option und mache mich auf den Heimweg. Zuhause angekommen, esse ich mit meinen Eltern zu Abend, studiere meine Zusammenfassungen, ruhe mich noch kurz aus und mache mich dann schon wieder bereit, um schlafen zu gehen. Ich falle abends müde in mein Bett und schlafe bis zum nächsten Tag durch, bis ich wieder viel zu früh aufwachen muss…